Interview: Psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung minderjähriger Flüchtlinge

 

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind im Jahr 2015 in Deutschland angekommen und 441.899 Asylerstanträge wurden im Jahr 2015 gestellt.  Von den in den ersten beiden Monaten des Jahres 2016 gestellten 117.392 Erstanträgen stammten 30,8% von unter 18-Jährigen, davon mehr als die Hälfte aus Syrien und ca. ein Viertel aus dem Irak und Afghanistan (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Februar 2016). Im Jahr 2015 war auch eine sehr starke Zunahme der Zahlen unbegleiteter Minderjähriger zu konstatieren. Im Jahr 2015 waren dies 3% aller Erstantragstellenden, wobei die Zahl der Inobhutnahmen unbegleiteter Minderjähriger die Anzahl der von ihnen gestellten Asylanträge sogar um das 2,6fache übersteigt. Die psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung von minderjährigen Flüchtlingen stellt uns vor besondere Herausforderungen, die nicht ohne Veränderungen und zusätzliche Angebote des Hilfesystems zu bewältigen sind. Zu dieser Thematik führten wir ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Simone Wasmer, die seit vielen Jahren die Kinder- und Jugendabteilung des Behandlungszentrum für Folteropfer e.V. im Zentrum ÜBERLEBEN in Berlin leitet. Diese Einrichtung ist Mitglied der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (www.baff.de).

Warum ist die Unterscheidung zwischen unbegleiteten und mit ihren Familien eingereisten minderjährigen Flüchtlingen bedeutsam?

Sowohl im Bedarf aber vor allem im Zugang zu den Hilfesystemen gibt es hier deutliche Unterschiede. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) werden im Idealfall (hier hat sich im letzten Jahr viel zum Negativen verändert aufgrund der erhöhten Zahlen und der daraus folgenden Überforderung der Jugendhilfe) kurz nach Einreise in Obhut genommen, dann startet die sogenannte Clearingphase während derer die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ermittelt werden sollen. Diese dauerte früher circa drei Monate und soll jetzt deutlich beschleunigt innerhalb etwa einer Woche stattfinden. Inwiefern dabei immer das Interesse der Jugendlichen bzw. im Rahmen des Kindeswohls gehandelt werden kann, bleibt abzuwarten. Dennoch ist die Versorgungssituation der UMF durch den vorgesehenen Zugang zur Jugendhilfe noch besser gestellt, als die der Familienkinder. Durch die Einbindung in Jugendhilfeeinrichtungen sind in der Regel qualifizierte Betreuer an der Seite der Jugendlichen, die Abläufe und Hilfsangebote kennen und diese wahrnehmen bzw. vermitteln. Allerdings hat sich die Lage inzwischen derart zugespitzt, dass auch UMF in den Notunterkünften, entgegen aller Richtlinien zum Kindeswohl untergebracht sind. Die Familienkinder sind schon immer gemeinsam mit ihren Familien in den großen Sammelunterkünften untergebracht und haben damit in der Regel wenig Kontakt zu Hilfsangeboten bzw. qualifizierten Hilfspersonen die sie unterstützen. Damit ist deren Zugang zu psychosozialer oder psychotherapeutischer Hilfe deutlich erschwert.

Welche psychosozialen und psychotherapeutischen Hilfsangebote benötigen minderjährige Flüchtlinge am dringendsten?

Aufgrund der Erfahrung der letzten zwei Jahre hat sich eine deutliche Veränderung in den benötigten Hilfsangeboten ergeben. Während die Kinder und Jugendlichen (v.a. die UMF) bis vor etwa 1-2 Jahren gut in qualifizierte Angebote der Jugendhilfe wie beispielsweise spezialisierte Wohneinrichtungen oder andere Maßnahmen nach SGB VIII eingebunden waren, ist dies heute nicht mehr der Fall. Die Nachfrage nach psychotherapeutischen Hilfen hat sich dadurch deutlich Richtung allgemeiner psychosozialer Beratung verlagert. Häufig machen wir die Erfahrung, dass die Anfragen nach Therapie eher von Seiten überforderter Helfer kommen, die Jugendlichen oder Familien aber zunächst eher von einer fundierten Rechtsberatung (die wir im Rahmen unserer Abteilung anbieten können) oder sozialarbeiterischer Betreuung profitieren. Die gesamte Lage bezüglich Aufenthaltsverfahren, Unterbringung etc. hat sich dermaßen erschwert, dass die psychotherapeutische Aufarbeitung erlebter Traumata eher an 2. oder 3. Stelle gerutscht ist. Anfangs sind der unsichere Aufenthalt, die ungeklärte Wohnsituation oder z.B. die Suche nach einem Schulplatz von zentraler Bedeutung. Auch hierbei ist in der Regel Unterstützung notwendig, viele Hilfen werden nur noch widerwillig gewährt bzw. ist für die Familien ohne Hilfe von außen der Weg dorthin nur sehr schwer durchschaubar. Somit ist es für die Kinder und Jugendlichen eine sehr große Hilfe über qualifizierte Beratung und Unterstützung im psychosozialen Bereich eine allgemeine Stabilisierung der Lebenssituation zu erfahren. Leider gibt es kaum ausreichend Angebote, viele Träger, die sich jetzt mit der neuen Klientel konfrontiert sehen, haben bisher noch nie in diesem Bereich gearbeitet. Nach einer Klärung der Rahmenbedingungen sind dann häufig psychotherapeutische Hilfsangebote notwendig und sinnvoll. Dabei bleibt zu bedenken, dass im Großteil der Fälle der äußere Rahmen in Bezug auf den Aufenthalt über Jahre hinweg unklar bleiben kann, dennoch aber therapeutisches Arbeiten sinnvoll und möglich ist.

Wie hat sich die Arbeit des Behandlungszentrums für Folteropfer im letzten Jahr verändert?

Die Veränderungen im letzten Jahr haben sich insbesondere an der Anzahl der Therapieanfragen und deren Qualität, besonders aber auch am deutlich gestiegenen Bedarf nach Beratung, Fortbildungen und Schulungen für alle mit diesem Klientel arbeitenden Personen gezeigt. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt nach wie vor auf der dolmetschergestützten traumafokussierten Langzeittherapie mit unterstützender Sozialarbeit. Da uns im letzten Jahr in der Woche im Schnitt 2-5 Anfragen nach Fortbildungen etc. erreichten, haben wir versucht dem gerecht zu werden. In den Anfragen zeichnete sich der massiv gestiegene Druck in der Berliner Jugendhilfelandschaft wieder, der bei unseren Veranstaltungen auch immer wieder von den Teilnehmern geäußert wurde. Es fehlt schlichtweg an qualifizierten Fachpersonal für diese besonderen Problemstellungen. Wir führen in großer Regelmäßigkeit Fortbildungen und Schulungen durch und arbeiten mit anderen Trägern zusammen um der Masse an Anfrage durch große Veranstaltungen entgegen kommen zu können. Neben diesen Nachfragen zu Veranstaltungen für Sozialarbeiter, Lehrer, Psychotherapeuten bis hin zu Polizei und Justiz konnten wir an der Qualität der Therapieanfragen eine deutliche Veränderung erkennen. Besonders bei den UMF zeichnete sich eine Wendung zu dramatischeren und v.a. längeren Fluchtwegen verbunden mit deutlich komplexeren Traumatisierungen ab.

Was sind die größten Barrieren für angemessene psychosoziale und psychotherapeutische Hilfsangebote für minderjährige Flüchtlinge?

Zunächst einmal ist auf den Mangel an in diesem Bereich spezialisierten Fachkräften hinzuweisen. Zudem haben durch die dramatische Zuspitzung der allgemeinen Unterbringungs- und Versorgungssituation nur wenige Familien Kontakt zu qualifizierten Helfern die bei der Vermittlung in Angebote unterstützen. Die Wege in beispielsweise Maßnahmen nach SGB VIII sind aber teilweise zeitlich so aufwendig bzw. so komplex, dass sie für die Familien alleine nicht möglich sind oder die Angebot sind schlichtweg nicht bekannt. Dies hat sich im Vergleich zu vor etwa 2-3 Jahren deutlich verändert. Damals erreichten uns oft Anfragen über Sozialarbeiter der Wohnheime, Lehrkräfte etc. Die dramatische Lage hat wohl zu einer Überforderung dieser Wege geführt. Für außerhalb psychosozialer Zentren niedergelassene Kollegen sind die langwierigen Kostenübernahmen (Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin teilweise 1-2 Jahre) oft ein großes Hindernis. Hier sollten sich mit Ermächtigungen und Gesundheitskarten hoffentlich Verbesserungen zeigen. Dolmetscherkosten werden in der Regel bei von den Krankenkassen finanzierten Therapien nicht übernommen, dies ist für extern arbeitende Kollegen problematisch. Therapien nach § 27.3 oder § 35a haben sich als oftmals sehr sinnvoll erwiesen, werden aber häufiger mit Verweis auf Kassentherapien, auch bei deutlicher Indikation für SGB VIII abgeschmettert. Ein sehr großer Aufwand ist begleitend zu den therapeutischen Hilfen hinsichtlich sozialarbeiterischer Unterstützung zu leisten, wofür zum Einen die Kenntnisse da sein müssen und zum Anderen diese Leistungen im Rahmen von Kassentherapien nicht vergütet werden. Auch mangelt es an langfristig gesicherten, nicht projektbezogenen Angeboten im Bereich der psychosozialen Beratung und Unterstützung.

Welche Kompetenzen sind für die Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen insbesondere vonnöten?

  • Keine Berührungsängste trotz oft sehr komplexer Traumatisierungen
  • Kenntnisse zu Asyl- und Aufenthaltsbelangen bzw. die Bereitschaft an Fachstellen zu vermitteln, sich beraten lassen, v.a. aber diesen Bereich nicht aus den Augen lassen
  • Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit zuständigen Rechtsanwälten
  • Bereitschaft neben der therapeutischen Arbeit weitreichende Aufgaben aus dem Bereich der Sozialarbeit zu übernehmen (deutlich mehr als ohnehin in der Kinder- und Jugendtherapie üblich)
  • Gute Zusammenarbeit mit andern Hilfesystem z.B. Jugendhilfeeinrichtungen
  • Ausdauer und Kenntnisse bei langwierigen Kostenübernahmen, Zusammenarbeit mit Jugend- oder Sozialämtern
  • Kenntnisse zu internationalen Kinderrechten und Bereitschaft diese durchzusetzen
  • Kompetenzen bzw. deren Erwerb in der Arbeit mit Sprachmittlern
  • Verfassen psychotherapeutischer Stellungnahmen für Aufenthaltsverfahren nach Mindestnormen

Gibt es inzwischen ausreichend Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten/innen in den Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer?

Leider nicht. Die meisten der Zentren verfügen bisher über keine eigene Kinder- und Jugendabteilung, zudem gibt es nicht flächendeckend Zentren im Bundesgebiet. Oftmals ist die langfristige Finanzierung der Basisarbeit, also der Psychotherapie unabhängig von Projektstellen problematisch (unsere Einrichtung arbeitet schon lange mit Ermächtigungen und über SGB VIII, dies deckt aber beispielsweise nicht die Kosten der anfallenden Sozialarbeit ab). In Berlin gab es z.B. bis vor kurzem insgesamt in den Psychosozialen Zentren nur eineinhalb Stellen, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind. In unserer Abteilung konnten wir inzwischen das Personal aufstocken, sodass unsere Einrichtung nun mit 4 Therapeutinnen, bald 2 Sozialarbeitern und wenn alles nach Plan läuft, einem Kinder- und Jugendpsychiater für die Zukunft vergleichsweise sehr gut aufgestellt ist.